Offener Brief Düsseldorf Festival

5. Mai 2026

Liebe Freundinnen und Freunde im Kuratorium des Düsseldorf Festival!,

Ihr habt beschlossen, mich aus dem Kuratorium abzuberufen. Was Euch dazu bewogen haben mag, weiß ich nicht. Euer Brief enthält diesbezüglich keine Begründung.

Insofern kann ich darüber nur mutmaßen.

Ihr hättet es Euch natürlich leicht machen und meine Abberufung mit dem Umstand begründen können, dass ich seit nunmehr über fünf Jahren nicht mehr Oberbürgermeister von Düsseldorf bin und mittlerweile meinen – jedenfalls politischen – Lebensmittelpunkt nach Brüssel verlegt habe und aus diesem Grunde weniger Berührungspunkte zum Düsseldorf Festival! habe. Dass Ihr das nicht gemacht habt, ist ehrenhaft. Denn es trifft ja auch nicht zu. Immerhin habe ich mich auch nach meiner Abwahl als Oberbürgermeister recht intensiv an der Arbeit des Kuratoriums beteiligt und gerade in den letzten Jahren durchaus namhafte Sponsoren für das Festival gewonnen. Dies werde ich, nebenbei bemerkt, auch zukünftig tun, wenn sich hierzu eine Gelegenheit ergibt.

Vor diesem Hintergrund muss ich vermuten, dass für den Abberufungbeschluss wohl andere Gründe maßgeblich waren.

Manch einer, den ich darauf angesprochen habe, meinte, ursächlich könnte eine Nähe zur AfD sein, die mir bisweilen angedichtet wird. Das kann ich mir, ehrlich gesagt, kaum vorstellen. Denn zumindest Ihr, also die Mitglieder von Geschäftsführung und Kuratorium des Düsseldorf Festival! solltet wissen, dass ich die AfD – und alles was noch weiter rechts davon ist – in meiner politischen Karriere immer bekämpft habe (und auch beabsichtige, dies weiterhin zu tun). Ich bin stolz darauf, dass in meiner Amtszeit Düsseldorf eine Reputation erworben hat, eine vorbildliche Willkommenskultur für Zuwanderer und Geflüchtete entwickelt zu haben. Allerdings habe ich auch damals bereits darauf hingewiesen, dass es ein uneingeschränktes Grundrecht auf Asyl nicht geben kann und Zuwanderung kontrolliert werden muss, ganz einfach deshalb, weil die Integrationsfähigkeit unserer Städte und Gemeinden begrenzt ist. Eine solche Position ist offensichtlich nicht extrem und schon gar nicht „rechts“, sondern schlicht und ergreifend vernünftig, gerade dann, wenn einem der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Erhaltung des Sozialstaates am Herzen liegt.

Vielleicht war auch meine Einstellung zur Politik der Europäischen Union gegenüber Russland maßgeblich für Euren Abberufungbeschluss. Immerhin erfolgte dieser nur wenige Tage nach meinem Besuch des Moskauer Wirtschaftsforums, über den in der Presse – teilweise ein wenig irreführend – berichtet wurde.

Bei dieser Gelegenheit habe ich – wie sich den allgemein zugänglichen Informationen und Dokumentationen entnehmen lässt – nicht nur das skandalöse Urteil eines russischen Gerichtes gegen den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly kritisiert, sondern auch deutlich gemacht, dass es aus meiner Sicht im vitalen europäischen Interesse liegt, den Krieg in der Ukraine auf diplomatischen Wege zu beenden und das Verhältnis zwischen der Europäischen Union und Russland wieder zu entspannen und zu normalisieren.

Nun ist mir natürlich bekannt, dass wer eine solche Position vertritt, sehr schnell als „Putin-Versteher“ oder „fünfte Kolonne Moskaus“ gebrandmarkt wird. Mit sachlicher Auseinandersetzung und rationalem Diskurs hat dies freilich nichts mehr zu tun. Selbstverständlich kann man die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Aussöhnung mit Russland möglich ist, kontrovers diskutieren. Dass dies in zivilisierter, ja sogar freundschaftlicher Form möglich ist, habe ich selbst bei einer Diskussion erlebt, die ich vor einigen Monaten in Brüssel mit Richard David Precht und meinen MdEP-Kollegen Hildegard Bentele (CDU) und Sergey Lagodinsky (Grüne) zu diesem Thema geführt habe. So unterschiedlich die vertretenen Positionen waren, wussten – sehr zur Freude des Publikums – alle Teilnehmer sehr wohl zwischen Sache und Person zu unterscheiden und ließen erkennen, dass es im politischen Diskurs nicht um die Verkündigung absoluter Wahrheiten, sondern um das gemeinsame Bemühen um Erkenntnisgewinn gehen sollte.

Derartige Veranstaltungen sind heute leider die Ausnahme. Gerade im Verhältnis zu Russland, scheint der gesellschaftliche Mainstream in Deutschland und Europa mittlerweile allein noch darauf zu setzen, den „Feind“ international zu isolieren und wirtschaftlich zu ruinieren. Damit sind wir, wenn wir die Entwicklung der letzten Jahre Revue passieren lassen, aber wahrscheinlich auf dem Holzweg. Denn mit diesem Kurs hat sich die Europäische Union nicht nur als Vermittler disqualifiziert, sondern auch international – gegenüber China und dem globalen Süden und neuerdings auch gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika – isoliert. Schlimmer noch: Man hat den Eindruck, dass sich mittlerweile in der Europäischen Union eine Art Wagenburg-Mentalität breit gemacht hat, die sich umzingelt fühlt von – in der Regel russischer – Desinformation und Manipulation, und auf die man meint, mit autoritärer Kontrolle und paranoidem Misstrauen reagieren zu müssen, was bisweilen an die finsteren Tage der McCarthy-Ära in den USA erinnert.

Den Glauben an die ansteckende Kraft der liberalen Demokratie scheint man in Europa verloren zu haben, wo doch gerade die es war, die den Eisernen Vorhang und den dahinter liegenden kommunistischen Autoritarismus zu Fall gebracht hat.

Dass dieser illiberale Ungeist mittlerweile auch das Rheinland erreicht hat, ist besonders bedauerlich. Autoritäre Unduldsamkeit und eine vermeintlich politisch korrekte Cancel Culture sind nach meiner Überzeugung unvereinbar mit der toleranten Lebensart im Rheinland, die ich in den letzten über 20 Jahren so sehr schätzen und lieben gelernt habe.

Lieber Robert, du hast mir in Deinem Schreiben ein persönliches Gespräch angeboten. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn wir dieses – am besten im Kreise des gesamten Kuratoriums – geführt hätten, bevor Ihr den Beschluss gefasst habt, mich aus dem Kuratorium abzuberufen. Vielleicht aber gibt dieser Beschluss Anlass, dieses Thema und seine Weiterungen einmal in größerem Kreis zu diskutieren. Ich denke, es wäre Zeit.

Es war mir eine Ehre, dem Düsseldorf Festival zu Diensten gewesen sein zu dürfen.

In diesem Sinne grüßt Euch herzlich,

Euer Thomas Geisel

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